Erkenntnisse aus der Friedens- und Konfliktforschung

Entstehung und Nachwirkungen proaktiver transnationaler Politik in der Türkei: Eine Fallstudio ethno-religiöser Diasporagemeinschaften

Die Literatur zur Diaspora-Governance legt nahe, dass die Türkei zunehmend aktiv auf ihre Diaspora-Gemeinschaften zugeht. Jedoch, jenseits des Wahlverhaltens, bleibt der Einfluss dieser politischen Wende auf das Alltagsleben und die Identitätsausdrücke von Postmigrant:innen beschränkt. In der vorgestellten Studie untersuchen wir ethnonationale Identifikationen unter türkischen Postmigrant:innen verschiedener religiöser und nationalistischer Gemeinschaften, mit Fokus auf Nähen und Überschneidungen in Identitätsausdrücken. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Identitäten zunehmend essentialisiert werden und dass die Bedeutung von Kultur in transnationalen Räumen wiederbelebt wird. Die Studie wurde in einer mittelgroßen Stadt in Nordrhein-Westfalen, Deutschland, durchgeführt. Ethnographische Beobachtungen und vertiefende Interviews wurden verwendet, um die Identitätsausdrücke türkischer ethnoreligiöser Gemeinschaften (z.B. die „Grauen Wölfe“ und DITIB) zu analysieren.

Kurzbiographie
Dr. Aydın Bayad ist Sozialpsychologe, dessen Forschung sich auf duale Identifikation unter Postmigrant*innen in Deutschland fokussiert. Seine jüngsten Arbeiten befassen sich mit der politischen Sozialisation von Minderheiten, deren Perspektiven auf sozialen Zusammenhalt sowie den Aussichten für Solidarität zwischen Minderheiten in Europa.

Den Friedensprozess in der Türkei navigieren: Herausforderungen und Chancen aus einer Konfliktlösungsperspektive

Eine neue Runde des Friedensprozesses zwischen der türkischen Regierung und der bewaffneten Gruppe PKK begann im Oktober 2024, ausgelöst durch Appelle von Devlet Bahçeli, dem Vorsitzenden der Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP). Der Appell wurde später von der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) unterstützt und gewann an Dynamik, als PKK-Führer Abdullah Öcalan im Februar 2025 einen einseitigen Waffenstillstand ankündigte. Zweifellos war die Einleitung einer neuen Verhandlungsrunde in einer Zeit, in der die türkische Regierung nach dem Ende des vorherigen Friedensprozesses im Jahr 2015 ihren sicherheitsorientierten Ansatz in der Kurdischen Frage zunehmend intensivierte, selbst für diejenigen unerwartet, die die kurdische politische Bewegung und die türkische Politik aufmerksam verfolgten. Nach dem Scheitern des vorherigen Friedensprozesses weitete sich der Konflikt auf städtische Gebiete aus, wobei die Regierung wochenlange Ausgangs-sperren verhängte, die zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen führten. Die kurdische politische Bewegung in der Türkei war kontinuierlich anhaltendem politischen und rechtlichen Druck ausgesetzt, darunter die Aufhebung parlamentarischer Immunitäten, die Verhaftung prominenter Politiker:innen und die Einsetzung staatlicher Treuhänder:innen (Kayyums) anstelle gewählter kurdischer Bürgermeister:innen – insbesondere mit dem Entstehen der faktischen AKP-MHP-Koalition im Jahr 2016 und ihrer formalen Institutionalisierung als Volksallianz im Jahr 2018. Während der Prozess von 2024 noch andauert und die Große Nationalversammlung der Türkei kürzlich einen umfassenden Bericht gebilligt hat, der darauf abzielt, den Friedensprozess mit der PKK voranzutreiben, verdeutlichen sowohl der Inhalt des Berichts als auch die anhaltenden Herausforderungen potenzielle Hindernisse und Unsicherheiten hinsichtlich des künftigen Verlaufs des Prozesses. Dieser Vortrag untersucht den Friedensprozess in der Türkei aus einer Konfliktlösungsperspektive und stützt sich dabei auf akademische Literatur, die Friedensprozesse vergleichend analysiert. Er befasst sich mit Fragen, die im öffentlichen Diskurs breit debattiert werden, wie etwa ob ein Friedensprozess ohne funktionierende Demokratie gelingen kann, die Bedeutung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, die Rolle rechtlicher Reformen zur Entwaffnung sowie die Relevanz von Garantiegeber:innen für die Aufrechterhaltung von Friedensverhandlungen. Darüber hinaus werden zentrale Überlegungen im Anschluss an ein Friedensabkommen sowie die Voraussetzungen für die langfristige Umsetzung des Prozesses erörtert. Ziel ist es, aktuelle Entwicklungen vergleichend zu diskutieren und dabei zu verstehen, was zu erwarten ist und wie der Prozess auf solidere Grundlagen gestellt werden kann.

Kurzbiographie
Dr. Sinem Arslan ist Gastwissenschaftlerin an der London School of Economics. Sie verfügt über zwei Masterabschlüsse der London School of Economics und der Boğaziçi University und promo-vierte an der University of Essex über die transnationalen Dynamiken von Friedensprozessen in Bürgerkriegen. Ihre Fachgebiete umfassen Bürger-kriege und vergleichende Friedensprozesse, mit einem besonderen Schwer-punkt auf Sezessionskonflikten und den De-facto-Staaten, die in deren Folge entstehen. Mithilfe qualitativer, quantitativer und GIS- Kartierungsme-thoden untersucht ihre Forschung die Dynamiken politischer Gewalt und Friedensprozesse vergleichend. Bislang hat sie verschiedene Module zu Bürgerkriegsdynamiken, Konflikt und Friedensprozessen sowie zu De-facto-Staaten gelehrt und war an zahlreichen Friedensförderungs- und Friedens-erziehungsprojekten im Nahen Osten und in Afrika beteiligt. Ihr aktuelles, vom Norwegischen Forschungsrat gefördertes Forschungsprojekt unter-sucht Patron-Klient-Beziehungen in De-facto-Staaten und deren Implikatio-nen für Friedensprozesse. Die Studie kombiniert eine Bevölkerungsumfrage mit 1.000 Befragten und 70 vertiefenden Interviews mit hochrangigen Politiker:innen sowie informierte Politikdiskussionen mit Stakeholder:innen, darunter das britische Außenministerium (FCDO), den Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs für Zypern, die UN-Guten-Dienste-Mission in Zypern sowie türkische und zypriotische Entscheidungsträger:innen. Die Ergebnisse, die derzeit zu einem Buchmanuskript ausgearbeitet werden, haben die politischen Positionen der wichtigsten türkischen Oppositionspar-tei maßgeblich geprägt.

Einlassvorbehalt und Anmeldung

Zutritt nur unter Einlassvorbehalt und nach vorheriger Anmeldung!

Die Veranstaltenden behalten sich vor, die Teilnahme auf angemeldete Personen zu beschränken. Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, sind von der Veranstaltung ausgeschlossen

Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist für jede Veranstaltung einzeln erforderlich. Bitte melden Sie sich mindestens 3 Tage vor den Veranstaltungen, die Sie interessieren, per E-Mail an: projekt-retra@oth-regensburg.de.
Nach Zusage durch die Veranstaltenden erhalten Sie per E-Mail eine Anmeldebestätigung sowie kurz vor der Veranstaltung den Zugangslink zur Videokonferenz

Inhaltlicher Hinweis

Diese Veranstaltungsreihe behandelt Themen wie Rassismus, politische Gewalt, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Manche Inhalte können belastend sein.

Pfeil_nach_oben