Die Rolle der Religion
Islamistische Bewegungen in der Türkei: Diskursive Transformationen vor und nach der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP)
Dieser Vortrag bietet einen Überblick über die Transformation islamistischer Bewegungen in der republikanischen Türkei. Zur analytischen Klarheit werden diese Bewegungen in zwei Hauptkategorien unterteilt: Mainstream- und Radikalislamismus. Obwohl sich diese beiden Kategorien erheblich voneinander unterscheiden, teilen sie gelegentlich eine gemeinsame Plattform aufgrund bestimmter sakraler Imaginationen, gemeinsamer historischer Narrative und Formen von Hassrede, die jüdische Menschen, Frauen, Alevit:innen und LGBTQ+-Gemeinschaften marginalisieren. Die nationalistische diskursive Nähe, die insbesondere von mainstreamorientierten islamistischen Kreisen zu rechtsextremen Akteuren hergestellt wurde, hat die Ausweitung dieses gemeinsamen Terrains im politischen Raum begünstigt. In der AKP-Ära haben diese Gemeinsamkeiten als strategische Instrumente fungiert und die vorübergehende Aussetzung interner Differenzen ermöglicht. Der Vortrag veranschaulicht diese Schnittpunkte anhand ausgewählter diskursiver Beispiele.
Kurzbiographie
Dr. Fikriye Yücesoy erwarb ihren Bachelor in Politikwissenschaft und Internationalen Beziehungen an der Yıldız Technischen Universität. Ihren Master und ihre Promotion in Soziologie absolvierte sie an der Mimar Sinan Fine Arts University. Im Rahmen ihres Masterstudiums führte sie eine ethnografische Studie über zwei Cemevis in Istanbul durch, in der sie die Beziehung zwischen religiöser Zugehörigkeit und städtischem Raum in der Türkei untersuchte. Im Jahr 2024 schloss sie ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Discourses on the Caliphate in Islamist Magazines in Turkey“ ab. Diese wurde anschließend als Buch unter dem Titel „Islamists and the Caliphate in Turkey“ (Türkiye’de İslamcılar ve Hilafet) im Verlag İletişim Yayınları veröffentlicht. In den letzten Jahren lehrte sie als Lehrbeauftragte Kulturgeschichte und Weltgeschichte an verschiedenen Universitäten. Ihre Forschungsinteressen umfassen Stadt- und Raumsoziologie, Religionssoziologie, politische Soziologie und Kulturgeschichte.
Religion, Institutionen und die Normalisierung der extremen Rechten: Der österreichische Fall der Ülkücü-Organisationen
Der Vortrag untersucht den spezifischen institutionellen Kontext von Ülkücü-Organisationen (ultranationalistisch, rechtsextrem) in Österreich. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern verfügt Österreich über einen formal anerkannten institutionellen Rahmen für den Islam, vertreten durch die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), in den Ülkücü-Vereinigungen eingebettet sind. Diese institutionelle Konstellation bildet einen spezifischen Rahmen für das Zusammenspiel von Religion, Organisation und rechtsextremer Mobilisierung.
Ausgehend von diesem Rahmen analysiert der Vortrag, wie sich die institutionelle Einbettung in alltägliche Praktiken und organisatorische Aktivitäten übersetzt, einschließlich religiöser Gottesdienste, kultureller Veranstaltungen, Erinnerungspraktiken und transnationaler Engagements. In diesem Kontext geht er kurz auf die wachsende Nähe zwischen Ülkücü-Organisationen und anderen mit dem türkischen Staat verbundenen und regierungsnahen Akteuren in Österreich ein, darunter ATIB als österreichische Organisationsstruktur der türkischen Religionsbehörde (Diyanet) und die regierungsnahe Union Internationaler Demokraten (UID), und verortet diese Dynamiken als Widerspiegelung der Regierungskoalition zwischen der MHP und der AKP in der Türkei auf Diaspora-Ebene.
Der Vortrag argumentiert weiterhin, dass diese Praktiken nicht nur der organisatorischen Reproduktion dienen, sondern auch als Mechanismen der Normalisierung und Legitimation fungieren, die ultranationalistische rechtsextreme Akteure als gewöhnliche religiöse und gemeinschaftliche Institutionen erscheinen lassen. Er fokussiert dabei auf den österreichischen Fall und verdeutlicht, wie institutionelle Rahmenbedingungen die Sichtbarkeit, Akzeptanz und gesellschaftliche Integration rechtsextremer Organisationen über offene politische Mobilisierung hinaus gestalten.
Kurzbiographie
Dr. Evrim Erşan Akkılıç ist Soziologin mit Schwerpunkten in der Rechtsextremismus-, Migrations- und Diasporaforschung. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) in der Abteilung Rechtsextremismusforschung. In ihrer Arbeit untersucht sie insbesondere migrantischen Rechtsextremismus, transnationale politische Mobilisierungen sowie symbolische und affektive Dimensionen extremistischer Ideologien. Sie ist Autorin des Kapitels zu migrantischem Rechtsextremismus im jährlichen Rechtsextremismusbericht des DÖW und publiziert aktuell zu methodologischen Ansätzen mit besonderem Fokus auf die Definition von Rechtsextremismus. Methodisch arbeitet sie vorwiegend qualitativ und praxeologisch und verbindet empirische Forschung mit gesellschaftskritischer Analyse.
Einlassvorbehalt und Anmeldung
Zutritt nur unter Einlassvorbehalt und nach vorheriger Anmeldung!
Die Veranstaltenden behalten sich vor, die Teilnahme auf angemeldete Personen zu beschränken. Personen, die rechtsextremen Parteien oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, sind von der Veranstaltung ausgeschlossen
Die Teilnahme ist kostenlos. Eine Anmeldung ist für jede Veranstaltung einzeln erforderlich. Bitte melden Sie sich mindestens 3 Tage vor den Veranstaltungen, die Sie interessieren, per E-Mail an: projekt-retra@oth-regensburg.de.
Nach Zusage durch die Veranstaltenden erhalten Sie per E-Mail eine Anmeldebestätigung sowie kurz vor der Veranstaltung den Zugangslink zur Videokonferenz
Inhaltlicher Hinweis
Diese Veranstaltungsreihe behandelt Themen wie Rassismus, politische Gewalt, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Manche Inhalte können belastend sein.

