Bericht: Online-Veranstaltungsreihe „Overlooked and Concealed: The Impact of the ‚Grey Wolves'“

Von Rabia Kökten

Die Veranstaltungsreihe „Overlooked and Concealed: The Impact of the ‘Grey Wolves’“ fand vom 14. April bis zum 16. Juni 2026 statt und umfasste insgesamt acht Online-Veranstaltungen. Organisiert vom Forschungsteam TP08 „Transnationale Formen von Rechtsextremismus“ unter der Leitung von Prof. Dr. Martina Ortner, widmete sich die Sommerreihe unterschiedlichen Facetten des türkeibezogenen Rechtsextremismus und insbesondere der Ülkücü-Bewegung. Im Mittelpunkt standen Fragen zu Antikurdischem Rassismus, Erinnerungskultur, Antifeminismus, Antisemitismus, rechtsextremen Parteien und Bewegungen, der Rolle von Religion sowie Perspektiven der Friedens- und Konfliktforschung. Die Beiträge verdeutlichten dabei immer wieder, dass sich die Analyse der Ülkücü-Bewegung und ihres politischen Umfeldes nicht auf nationale Kontexte beschränken lässt, sondern einen transnationalen Blick erfordert.

Den Auftakt der Sommerreihe bildete am 14. April 2026 eine Veranstaltung zum Thema antikurdischer Rassismus. Prof. Dr. Bayram Koca stellte seine Forschung zu türkischen rechtsextremen Parteien vor und zeigte auf, dass antikurdischer Rassismus parteiübergreifend ein zentrales ideologisches Element darstellt. Seine Analyse machte deutlich, dass entsprechende Ressentiments weit über rechtsextreme Milieus hinausreichen und bis in die gesellschaftliche Mitte hinein mobilisierungsfähig sind. Anschließend beleuchtete Selda Akbayir Erscheinungsformen antikurdischen Rassismus in deutschen Bildungskontexten. Sie zeigte auf, wie die Unsichtbarmachung kurdischer Sprache und Identität sowie die Kriminalisierung kurdischer Perspektiven in Form von Mikroaggressionen und strukturellen Ausschlüssen wirksam werden und transnationale Machtverhältnisse reproduzieren.

Die zweite Veranstaltung am 21. April 2026 widmete sich Fragen von Erinnerungspolitik und Wissenschaftsfreiheit. Dr. Christin Pschichholz analysierte den Umgang mit dem Genozid an den Armenier:innen in der Türkei und Deutschland. Sie zeigte, dass transnationale Formen des Erinnerns zwar längst etabliert sind, gleichzeitig aber gesellschaftliche und politische Formen der Indifferenz fortbestehen, die selbst durch die Armenien-Resolution des Deutschen Bundestages von 2016 kaum aufgebrochen wurden. Daran anschließend thematisierte Dr. Murat Arpaci die Situation der Wissenschaftsfreiheit in der Türkei. Er schilderte die Herausforderungen, mit denen Forschende angesichts staatlicher Repressionen, Konformitätsdrucks und geschichtsrevisionistischer Tendenzen konfrontiert sind.

Ein weiterer Schwerpunkt der Reihe lag auf Geschlechterverhältnissen, Antifeminismus und rechten Mobilisierungen. Dr. Dastan Jasim analysierte Antifeminismus als Bestandteil nationalistischer und autoritärer Politik in der Türkei. Sie zeigte, wie Frauen einerseits als „Mütter der Nation“ idealisiert, andererseits jedoch, insbesondere im Fall politisch aktiver Kurdinnen, als Bedrohung konstruiert werden. Die damit verbundenen Narrative entfalten ihre Wirkung nicht nur in der Türkei, sondern auch in transnationalen Kontexten, etwa in Deutschland. Ergänzend stellte Dr. Funda Hülagü Demirbilek die Entwicklung türkischer Männerrechtsgruppen vor. Anhand einer historischen Einordnung seit den 2000er Jahren zeigte sie, wie antifeministische Diskurse zunehmend politisiert wurden und als potenzielle soziale Basis rechtsextremer Formationen fungieren können.

Im weiteren Verlauf der Reihe rückten Fragen von Erinnerung, Gewalt und Solidarität in den Fokus. Die Soziologin und Künstlerin Eylem Şen beschäftigte sich mit dem rechtsextrem-islamistischen Anschlag auf alevitische und kurdische Kunstschaffende im Hotel Madımak in Sivas im Jahr 1993, bei dem 33 Menschen ums Leben kamen. Sie betonte die Bedeutung gesellschaftlicher Auseinandersetzungen mit den alltäglichen Reproduktionsformen von Faschismus und stellte das Madımak Massacre Memory Centre als digitalen Erinnerungsort vor. Daran anschließend diskutierte Ceren Türkmen Formen alevitischer Selbstorganisation und Erinnerungskultur in Deutschland nach 1993. Durch die Gegenüberstellung des Anschlags von Sivas und des rassistischen Brandanschlags von Solingen verdeutlichte sie, wie Erinnerungspraktiken Machtverhältnisse sichtbar machen, aber auch reproduzieren können, wenn Betroffene ausschließlich als „Türk:innen“ adressiert werden.

Der Veranstaltungsabend am 26. Mai 2026 stand im Zeichen des Antisemitismus. Nikolai Schreiter, der stellvertretend für Dr. Elke Rajal sprach, analysierte Entwicklungen des Antisemitismus in Deutschland nach den Terrorangriffen der Hamas am 7. Oktober 2023. Dabei stellte er Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Phänomen und als sogenannte Brückenideologie dar, die unterschiedliche politische Milieus miteinander verbinden kann. Im Anschluss zeichnete der Historiker Rıfat Bali die Entwicklung des Antisemitismus in der Türkei von den Anfängen der Republik bis in die Gegenwart nach. Die Gegenüberstellung deutscher und türkischer Perspektiven machte deutlich, dass antisemitische Narrative in unterschiedlichen politischen Kontexten auftreten, zugleich aber vielfach ähnliche Muster aufweisen und grenzüberschreitend zirkulieren.

Am 2. Juni 2026 widmete sich die Reihe rechtsextremen Parteien und Bewegungen in Deutschland und der Türkei. Dr. Anna-Sophie Heinze analysierte die AfD als Rechtsaußenpartei und ordnete ihre Entwicklung in internationale Dynamiken rechtsextremer Parteipolitik ein. Anschließend präsentierte Dr. Begüm Uzun Taşkın Ergebnisse einer Feldstudie zu jungen nationalistischen Milieus in der Türkei. Ihre Untersuchung zeigte eine Verbindung aus migrationsfeindlichen Einstellungen, starkem Säkularismus und Kritik an demokratischen Erosionsprozessen. Die Ergebnisse verdeutlichten, dass rechtsextreme und nationalistische Mobilisierung je nach gesellschaftlichem Kontext unterschiedliche Ausprägungen annehmen kann.

Die Veranstaltung am 9. Juni 2026 rückte die Rolle von Religion in den Mittelpunkt. Dr. Fikriye Yücesoy untersuchte die Entwicklung islamistischer Bewegungen in der Türkei während der AKP-Regierungszeit. Trotz erheblicher Unterschiede zwischen mainstream- und radikalislamistischen Akteuren identifizierte sie Überschneidungen in historischen Narrativen, sakralen Vorstellungswelten und Formen von Hassrede. Darüber hinaus zeigte sie auf, wie sich Berührungspunkte zwischen islamistischen und ultranationalistischen Strömungen politisch nutzen lassen. Dr. Evrim Erşan Akkılıç analysierte anschließend die Einbindung von Ülkücü-Organisationen in institutionelle islamische Strukturen in Österreich. Anhand religiöser, kultureller und erinnerungspolitischer Praktiken verdeutlichte sie, wie ultranationalistische Akteure gesellschaftliche Legitimität herstellen und ihre Strukturen langfristig reproduzieren.

Den Abschluss der Sommerreihe am 16. Juni 2026 bildeten Beiträge aus der Friedens- und Konfliktforschung. Dr. Aydın Bayad (Universität Bielefeld) untersuchte die Auswirkungen türkischer Diasporapolitik auf Identitätsbildungsprozesse unter „Postmigrant:innen“ in Deutschland. Seine Forschung verdeutlichte, wie ethnonationale und religiöse Identitäten in transnationalen Räumen verstärkt essentialisiert werden und kulturelle Zugehörigkeiten neue politische Bedeutung erhalten. Im abschließenden Vortrag widmete sich Dr. Sinem Arslan dem seit 2024 laufenden Friedensprozess zwischen dem türkischen Staat und der PKK. Aus konfliktlösungstheoretischer Perspektive diskutierte sie Voraussetzungen, Herausforderungen und Grenzen eines Friedensprozesses unter Bedingungen demokratischer Defizite und anhaltender Repression. Gleichzeitig machte ihr Beitrag deutlich, dass Konflikte, Nationalismus und Friedensbemühungen in der Türkei weit über die Landesgrenzen hinausreichen und auch für Diasporagemeinschaften von großer Bedeutung sind.

Mit den Veranstaltungen der Sommerreihe wurden zentrale Themenfelder des türkeibezogenen Rechtsextremismus aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven beleuchtet. Die Beiträge zeigten, dass die Ülkücü-Bewegung nicht isoliert innerhalb nationalstaatlicher Grenzen verstanden werden kann. Ihre Ideologien, Organisationsformen und Mobilisierungsstrategien entfalten sich in transnationalen Räumen, die die Türkei ebenso umfassen wie europäische Länder mit großen Diasporagemeinschaften. Zugleich wurde deutlich, wie eng Fragen von Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Religion, Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Zusammenhalt miteinander verwoben sind. Die Reihe leistete damit einen wichtigen Beitrag dazu, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Zum Abschluss gilt allen Referierenden ein herzlicher Dank für ihre vielfältigen und bereichernden Beiträge. Ebenso danken wir den Moderator:innen, Jessica Hoyer, Ivan Gyokov, Antonia Rode, Dr. Murat Arpaci und Rabia Kökten, sowie den zahlreichen Teilnehmenden, deren Interesse und engagierte Diskussionen die Sommerreihe zu einem lebendigen Ort wissenschaftlichen Austauschs gemacht haben.

Pfeil_nach_oben