Zum Verhältnis von Erinnern und Demokratie. Teilprojekt 3a auf internationaler Konferenz und Forschunganbahnung in Argentinien
Von Antonia Rode & Prof. Dr. Gabriele Fischer
Die Kämpfe um das Erinnern an Todesopfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt sowie die Auseinandersetzung mit deren gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen sind historisch spezifisch. Sie werden kontinuierlich konflikthaft ausverhandelt und weisen somit eine inhärent politische Dimension auf. Dies ist eine der zentralen Erkenntnisse aus der bisherigen Forschung des ForGeRex-Teilprojekts 03a (un)doing memory in Bayern von Prof. Dr. Gabriele Fischer und Antonia Rode.

Den Blick über Bayern und Deutschland hinaus auf diese Thematik intensivierten die Forscherinnen während ihres Aufenthaltes in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires im Juli und August 2026. Auf der diesjährigen internationalen Konferenz der Memory Studies Association (MSA) zum Thema Memory and Democracy stellten sie ihre Forschungsergebnisse zur Diskussion. Anhand der Erinnerungskämpfe um das rechtsterroristische Oktoberfestattentat von 1980, die über die Jahrzehnte eine Transformation von der Kriminalisierung hin zur Institutionalisierung erfahren haben, warf ihr Vortrag eine zentrale Frage auf: Inwieweit lässt sich an der gesellschaftlichen und institutionellen Bewertung dieser Kämpfe die Demokratiefähigkeit demokratischer Gesellschaften bemessen?
In zahlreichen Konferenzbeiträgen zum Umgang mit diktatorischen Regimen in Lateinamerika und deren Übergang zu demokratischen Gesellschaften stellte sich eine Erkenntnis immer wieder heraus: die Kontinuität der gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen in der Gegenwart, die diese Gewalt fortwährend begründen. Diese äußert sich aktuell in einem tiefgreifenden Wandel hin zu konservativen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Regierungen in Lateinamerika. Viele lateinamerikanische Wissenschaftler*innen äußerten vor diesem Hintergrund aus ihren professionellen Rollen heraus deutliche Kritik an ihren jeweiligen Regierungen. Als ein Beispiel wurde hierbei die massive Definanzierung öffentlicher Universitäten durch die derzeitige argentinische Regierung angeführt.
Die besondere Rolle zivilgesellschaftlicher Akteur*innen für das Erinnern an die Militärdiktatur, aber auch für gegenwärtige feministische und Menschenrechtsbewegungen – sowie die intersektionale Zusammenarbeit dieser Gruppen – wurde bei der offiziellen Abschlussveranstaltung der Konferenz im Teatro Picadero verdeutlicht. Die Rolle von zivilgesellschaftlichem Erinnerungsprotest im Umgang mit menschenfeindlich ideologisch motivierter Gewalt steht im besonderen Fokus von Prof. Dr. Gabriele Fischer und Antonia Rode. In ihrer eigenen Forschung zu Fällen rechter Gewalt in Bayern sind es ebenfalls vor allem zivilgesellschaftliche Akteur*innen, die sich für ein Erinnern an die Todesopfer und die gesellschaftlichen Ursprünge für die Taten einsetzen.
Das Teatro Picadero wurde als symbolischer Ort des Widerstands gewählt. Es war 1981 während der Diktatur eröffnet worden, um einen zensurfreien Raum für Kunst und Kultur zu schaffen, und wurde nur eine Woche später durch einen militärischen Brandanschlag zerstört. Teil der dortigen Abschlussveranstaltung war ein Podium mit verschiedenen Vertreter*innen der argentinischen Menschenrechtsbewegung, darunter die Madres und Abuelas de Plaza de Mayo, die Nachkommen-Organisation H.I.J.O.S. und die feministische Bewegung Ni Una Menos. Auch die Bewegung Historias Desobedientes, ein Zusammenschluss von Kindern ehemaliger Diktaturtäter, die sich von den Taten ihrer Väter distanzieren, waren vertreten. Für die Forscherinnen war insbesondere der Aspekt spannend, wie ein gemeinsamer Kampf für Aufklärung und Gerechtigkeit über die Grenzen von Opfer- und Täterangehörigen hinweg geführt wird. Die biographischen Einblicke der Podiumsteilnehmenden verdeutlichten die tiefe Verwobenheit von Gewalterfahrung und kollektiver Solidarität. Eine Vertreterin von Ni Una Menos schilderte bewegend, wie nach Jahrzehnten die sterblichen Überreste ihrer während der Diktatur ermordeten Mutter identifiziert wurden und sie diese endlich bestatten konnte. Bei dem Trauerzug zum Friedhof waren Tausende Menschen anwesend – Aktivist*innen der feministischen und queeren Bewegung ebenso wie Madres, Abuelas und die Kinder ehemaliger Täter. Die Beisetzung wurde so zu einem kollektivierenden Moment für die verschiedenen sozialen Bewegungen des Landes.




Aufgrund zusätzlich eingeworbener Mittel vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst durch das Bayerische Förderprogramm zur Anbahnung internationaler Forschungskooperationen (BayIntAn) bauten Prof. Dr. Gabriele Fischer und Antonia Rode intensive Kontakte zu internationalen Wissenschaftler*innen auf. Sie haben ihre Forschung in weiteren Kontexten präsentiert und den Austausch mit vor allem lateinamerikanischen Kolleg*innen intensiviert – beispielsweise bei einem vom DAAD und der Cátedra Libre Walter Benjamin organisierten Vernetzungstreffen zum Thema Demokratische Erinnerungskulturen und Forschungstätigkeiten unter Druck. Die argentinischen Kolleg*innen berichteten eindrücklich von ihren Erfahrungen, wie sich Forschung und Lehre angesichts einer zunehmenden autoritären Formierung gestalten. Die aus Deutschland angereisten Wissenschaftler*innen spiegelten dies mit Blick auf eine potenziell zunehmende institutionelle Einflussnahme durch rechtsextreme Parteien.
Am 4. August wurden die ForGeRex-Forscherinnen eingeladen, ihre Arbeit bei der MSA-Arbeitsgruppe Núcleo Estudios sobre Memoria am Instituto de Desarrollo Económico y Social (IDES) vorzustellen. Die im Jahr 2001 gegründete Arbeitsgruppe bietet einen etablierten Raum für den Austausch von Wissenschaftler*innen zu den Themen Erinnerung, Menschenrechte und Aktivismus sowie für Praktiker*innen aus Gedenkstätten und Museen. Bei dem Arbeitstreffen wurden zahlreiche laufende Dissertations- und Forschungsprojekte aus Ländern wie Kolumbien, Chile, der Ukraine, Dänemark oder Australien vorgestellt. Prof. Dr. Gabriele Fischer und Antonia Rode stellten in diesem Rahmen methodische Nachfragen zum Umgang mit extrem rechter Gewalt in Lateinamerika. Besonders ertragreich war hierbei die wissenschaftliche Perspektive auf den antisemitischen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires, der sich 1994 ereignete und 85 Todesopfer forderte.

Eine kritische Nachfrage aus dem Auditorium betraf die Begriffsverwendung von „rechtem Terror“. Im argentinischen und allgemein lateinamerikanischen Kontext wird der Terrorbegriff historisch oft instrumentalisiert, um Linke zu diffamieren und Kritik zu unterbinden. Der staatliche Kampf gegen vermeintliche „Terroristen“ während der Militärdiktatur in Argentinien vor 50 Jahren – welche auch den historischen Rahmen der Konferenz bildete – führte dazu, dass rund 30.000 Menschen verschleppt, gefoltert und ermordet wurden. Hierunter befanden sich vor allem Gewerkschafter*innen, Beschäftigte an Schulen und Universitäten, Intellektuelle sowie allgemein linke und systemkritische Personen.
Die Erinnerungsorte an die antisemitisch motivierte Gewalttat in Buenos Aires wurden von den Forscherinnen besucht. Darunter das neu errichtete Gebäude der Asociación Mutual Israelita Argentina (AMIA) unmittelbar am Tatort, das Mahnmal auf der Plaza Lavalle gegenüber dem Justizpalast sowie die künstlerischen Interventionen in der U-Bahnstation Pasteur-AMIA. Darüber hinaus besichtigten sie zentrale Gedenkstätten, die sich mit den Menschenrechtsverbrechen während der der Militärdiktatur auseinandersetzen, wie dem Parque de la Memoria und das ehemalige geheime Folterzentrum Escuela de Mecánica de la Armada (ex-ESMA).
Die Eindrücke aus Argentinien und Lateinamerika insgesamt waren für die Forscherinnen aus Bayern eine große Inspiration. Es wurde großes Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit und kontinuierlichem Forschungsaustausch geäußert.

